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Auszug aus dem Buch: Reetz.
Ein Dorf in der Brandtsheide 1861-1961:
Nationalsozialismus in Reetz
Das Jahr 1933

(Alle Zitate stammen aus der Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung.)

Am 30. Januar 1933, der Tag an dem Adolf Hitler vom Reichspräsidenten von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, wehte zum ersten Mal die Hakenkreuzfahne über Reetz, und zwar vom Giebel des Schulhauses. Lehrer Gottschalk stand am Pult als zwei junge Männer in SA-Uniform das Klassenzimmer betraten und "Heil Hitler" riefen. Sie sagten, sie hätten ihre Fahne mitgebracht und Herr Gottschalk möge die alte republikanische Fahne herunterreißen und ihre hissen. Der Lehrer, der Sozialdemokrat war und noch nicht von der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler gehört hatte, erklärte, er wüßte von nichts und er mache das nicht. Das müssen sie selber tun. "Tun Sie, was Sie nicht lassen können", soll er gesagt haben. Daraufhin holten die beiden von Frau Gottschalk den Schlüssel zum Dachboden und hißten ihre Fahne.

Bei der Reichtagswahl am 5. März 1933, als sich der Staatsterror schon angebahnt hatte, die KPD verboten war und viele Sozialdemokraten das Land schon verlassen hatten, stimmten die Reetzer zum ersten Mal mit einer absoluten Mehrheit (51,1%) für die Nationalsozialisten und die SPD sank auf 37,3% der Stimmen. Die deutschnationale Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 1 erhielt in Reetz 52 Stimmen (11%) und drei Reetzer wählten die KPD. Auch bei der am selben Tag stattfindenden preußischen Landtagswahl konnte die NSDAP in Reetz eine absolute Mehrheit verzeichnen.

In der Region hatte die NSDAP nur noch in Reetzerhütten, Jeserig und Wiesenburg die absolute Mehrheit verfehlt. In Reppinichen dagegen hatten mehr als 90% der Wähler Hitlers Partei ihre Stimme gegeben.

Dabei war die Stammwählerschaft der SPD in Reetz intakt geblieben. Die Sozialdemokraten hatten nur neun Stimmen weniger als im November 1932 erhalten. Damit blieb Reetz die Hochburg der SPD in der Region. Die Gewinne der NSDAP stammten wieder von abtrünnigen Deutschnationalen und Wählern, die an den beiden Wahlen 1932 nicht teilgenommen hatten.

Eine Woche nach der Reichtagswahl gab es Wahlen zum Provinziallandtag von Brandenburg, Kreistag und der Gemeindevertretung. Bei der Provinziallandtagswahl verloren die Nationalsozialisten 21 Stimmen trotz der höheren Wahlbeteiligung und kamen auf 45,8%. Bei der Kreistagswahl dagegen erzielte die NSDAP erneut eine absolute Mehrheit bei den Reetzer Wählern.

Von größerem Interesse war die Gemeindewahl. Auf dem Wahlzettel stand wieder, wie im Oktober 1929, eine Kandidatenliste, die sich "Einheitsliste" nannte, aber die Einheit, die es damals gegeben hatte, bestand nicht mehr. Eine zweite Kandidatenliste, die "Nationale Volksgemeinschaft" stand auch zur Wahl. Das waren die Nationalsozialisten.

Einheitsliste

Nationale Volksgemeinschaft

Wernicke, Franz Grohmann, Kurt
Kühne, Otto Lüdecke, Hermann
Heinrich, Otto Voigt, Otto
Senst, Richard Friedrich, Hermann
Dreibrodt, Hermann Krüger, Ernst
Jüngling, Hermann Friedrich, Richard
Gottschalk, Hermann Reußner, Hermann
Senst, Richard "Erdmann" Friedrich, Hermann
Großkopf, Ernst Ihlow, August
Liero, Hermann Menz, Hermann
Friedrich, E. Senst, Hermann
Moritz, Otto
Striebing, Albert
Friedrich, E.
Falkenthal, H.
Lange, Otto
Friedrich, W.
Christel, Richard
Franz, Richard
Friedrich, E.
Friedrich, E.
Müller, Hermann
Wolter, Albert








Bei einer Wahlbeteiligung von ca. 67% erhielt die Einheitsliste 261 von 439 abgegebenen Stimmen (59,5%), die Nationale Volksgemeinschaft 178 Stimmen (40,5%). In die Gemeindevertretung wurden die ersten sieben Kandidaten der Einheitsliste und die ersten fünf der Nationalen Volksgemeinschaft gewählt. Die Nationalsozialisten hatten also zum Auftakt des sogenannten "Dritten Reiches" keine Mehrheit in der Gemeindevertretung des Dorfes Reetz.

Es ist nicht mehr zu ermitteln, wie viele Mitglieder die NSDAP in Reetz schon vor der Ernennung Hitlers hatte. Es läßt sich ebenfalls nicht genau ermitteln, wie viele Reetzer 1933 in die Partei eingetreten sind. Aus Informationen, die 1945 gesammelt wurden und nur die noch zu der Zeit lebenden betrafen, sind im ersten Jahr vierzehn Parteibeitritte gemeldet. Unter ihnen waren allerdings einige der führende Persönlichkeiten der Gemeinde: Franz Wernicke, Hermann Gottschalk, Richard "Erdmann" Senst und Ewald Friedrich. Sie gehörten zu denen, die in Reetz den Ton angaben. Wernicke und Gottschalk traten der NSDAP am 5. Mai bei. Gottschalk hatte sich schon am 11. April dem Nationalsozialistischen Lehrerbund angeschlossen. Seine Tochter, Ursula Kern, sagte, "Das war das Schlimme, daß meinem Vater dieser Nationalsozialismus zum Verhängnis geworden ist, weil er an sich überhaupt davon nichts wissen wollte...Die Lehrer mußten alle, die durften sonst nicht unterrichten." Auch beide Gastwirte, Albert Heinrich und Berthold Mehlitz (08.04.1907-22.04.1989) waren schon 1933 in der Partei. Heinrichs Gaststätte wurde Parteilokal der NSDAP. Auffallend ist, daß von der Dorfelite der Ziegeleibesitzer Richard Senst und der Müller Otto Kühne der Partei fernblieben.

Über den Boykott von Geschäften mit Besitzern jüdischen Glaubens oder Herkunft wurde in der Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung ausführlich und völlig unkritisch berichtet. Die Maßnahme wurde als "die Abwehr der Greuelhetze" der Juden im Ausland erklärt.1 Am 4. April berichtete die Zeitung über die ersten rechtlichen anti-semitischen Maßnahmen: "Außer jüdischen Vorkriegsbeamten und Kriegsteilnehmern werden alle nicht arischen und durch Parteien angestellten Kräfte entlassen". Am 23. März lautete die Schlagzeile: "Wiederaufstieg des deutschen Volkes". Am 22. April hieß es, "Ganz Deutschland feiert" anläßlich des Geburtstages des neuen Kanzlers.

“Zu Hitlers Geburtstag”
Der große Tag ist nun vergangen,
Du Hitler, Dein Geburtstag war.
Aus allen Fenstern Fahnen prangen
Zur Ehre ihm, der unser Retter war.
Ein neues Deutschland will aufleben
Zu Deiner Ehre, unserm Glück
Wir wollen jubelnd all die Hände heben
Führ weiter Du uns, nie zurück.
Mög ferner auch die Sonne strahlen,
Auf Deinem Lebenswege Dir
Und bleib uns noch recht lang erhalten
Dies wünschen wir "Heil Hitler" Dir

Das schrieb der Reetzer Gastwirt Bertold Mehlitz drei Tage später in der Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung.

Es war eine alte Forderung der Arbeiterbewegung, den 1. Mai, der Tag der Arbeit, als Feiertag anzuerkennen. Nun wurde er ausgerechnet von den Nationalsozialisten zum "Feiertag der nationalen Arbeit" erklärt.

"Die Einsetzung des 1. Mai als Fest der Nationalen Arbeit wird in der Geschichte als eine der Großtaten der Regierung der nationalen Erhebung erkannt und gefeiert werden, wenn längst die Erinnerung an die früheren Maifeiern marxistischen Gepräges mit turbulenten Radauszenen, Haßgesängen, Hetzliedern gegen alle übrigen Klassen der Nation, Zusammenstößen mit den Organen der Staatsgewalt, Schlägereien und Todesopfern im Lethestrom der Vergessenheit dahingesunken ist."

Aus diesem Anlaß wurde am 30. April in der Reetzer Kirche ein Festgottesdienst abgehalten, an dem sich die Vereine beteiligten und der Kirchenchor sang. Am Tag nach der Feier wurde ein vernichtender Schlag gegen die Gewerkschaften des Landes durchgeführt: "Hauptschlag gegen den Marxismus - Die Freien Gewerkschaften besetzt. Die Führer in Schutzhaft"

Ende Oktober 1933 fand ein Werbeabend für den Bund deutscher Mädel(BdM)2 im Saale des Lokals Mehlitz statt, "um auch am hiesigen Ort und Umgegend Mitglieder für den BDM. zu werben". Veranstaltet wurde der Abend von der Mädelschaft Reetzerhütten. Die Mädelschaft Neuehütten spielte eine Dorfkomödie und die Mädelschaft Wiesenburg führte alte "Kostümtänze" vor. Gemeinsam sang man das Lied, "Kanzler Hitler hat gesprochen".

Kanzler Hitler hat gesprochen,
Deutschland ist zur Tat erwacht,
Alte Fesseln sind gebrochen,
Aufwärts denn aus Not und Nacht!
...
Ganze Männer, starke Führer
Führen Deutschland licht empor.
Deutsch die Männer, deutsch die Frauen,
Deutsch die Jugend, deutsch die Macht.
Alle Welt soll Deutschland schauen:
Kanzler Hitler hält die Wacht.

Der Abend hatte, "einen außerordentlich großen, unerwarteten Zuspruch".

Am 12. November 1933 fand wieder eine Reichstagswahl statt, diesmal aber nur mit Kandidaten der NSDAP. Alle andere Parteien waren inzwischen verboten worden oder hatten sich aufgelöst. Von 653 wahlberechtigten Reetzern wurden 613 gültige Stimmen gezählt, die alle für die Einheitsliste gestimmt haben sollen.

Die "Gleichschaltung" von Reetz, d.h. die Anpassung des Dorfes an den nationalsozialistischen Staat, begann mit einem Wechsel in der politischen Führung. Gemeindevorsteher Franz Wernicke schied im November 1933 aus diesem Amte, blieb aber bis 1945 Standesbeamter. Sein Nachfolger als Gemeindevorsteher wurde Förster Kurt Grohmann. Dieser wurde aber schon im November 1934 von Hermann Friedrich abgelöst. Am 29. Januar 1935 wurden "Pg 3 Hermann Lüdecke, Pg Franz Wernicke, Ziegeleibesitzer Richard Senst, und Gastwirt Pg Heinrich" in ihr Amt als Gemeindeälteste eingeführt. "Der Gemeindevorsteher verpflichtete diese durch feierlichen Eid auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler."

Die NSDAP

Trotz eines Mangels an schriftlichen Belegen kann die Geschichte der NSDAP in Reetz einigermaßen rekonstruiert werden. Organisatorisch gehörten die ersten Reetzer Nationalsozialisten ursprünglich zu der Parteiorganisation in Wiesenburg, erst Stützpunkt, dann Ortsgruppe, die am 1. Juni 1929 mit sechs Parteigenossen gegründet wurde. Aus ihm heraus wurden die Stützpunkte Jeserig-Jeserigerhütten, Neuehütten und Reetzerhütten, zu der sowohl Reetz als auch Reppinichen gehörten, gegründet. Ortsgruppenleiter in Wiesenburg war 1933 Baron Carl Eduard Brandt von Lindau, letzter Träger des Namens der großen Familie, die seit 300 Jahren die Geschichte der Brandtsheide geprägt hat und ihr den Namen gab. Schon seit vielen Jahren war der Baron Bewunderer Adolf Hitlers gewesen. Seine Tochter, Christa von Drabich-Waechter erinnert sich: "Mein Vater kannte Hitler aus Bayern. Sie haben viel zusammengesessen, bevor er in Haft ging. Mein Vater war in München als der Sturm auf die Feldherrenhalle war. Aber durch Zufall, nicht weil er Kämpfer war. Wir hatten einen Hof in Bayern. Da war er gewesen, am Chiemsee, und war auf der Rückreise und hörte plötzlich dort schießen und eilte dort hin und sah das Desaster, als die Polizei dazwischen schoß in den Aufmarsch und die vielen Leute gefallen sind - auch ein Verwandter von uns, Klaus von Papen -, die Toten vor der Feldherrnhalle, die berühmten. Mein Vater kannte Hitler aus Rosenheim und aus Enddorf, aber das war, bevor er auf die Festung ging. Da war er noch ein nichts und ein niemand und vor allem war er noch Ausländer. Mein Vater hat aber immer gesagt, der Mann kann sich gut verkaufen."

1930 war Brandt von Lindau der NSDAP beigetreten, hatte die SA gefördert und wurde bald darauf Ortsgruppenleiter in Wiesenburg. Er war auch Kreispropagandaleiter und stellvertretender Kreisleiter. (Schubert, Reetzerhütten, S. 25) Anfang 1934 mußte er krankheitsbedingt die Leitung abgeben. Viele alte Reetzer behaupten, er habe die Arbeiter im ihm gehörigen Karlswerk zum Eintritt in die NSDAP praktisch gezwungen.

Reetzerhütten war ein unabhängiger Stützpunkt, zu dem die Reetzer gehörten. Stützpunktleiter war Erich Grohmann. Hermann Friedrich aus Reetz war Organisationsleiter und August Ihlow Sportwart. Schulungsleiter war Hermann Gottschalk. Vermutlich im Oktober 1934 wurde der Stützpunkt Reetzerhütten zur Ortsgruppe erhoben und bestand aus drei Zellen: Reetzerhütten, Reetz und Reppinichen. Zellenleiter in Reetz wurde Hermann Lüdecke, seit dem 1. Januar 1932 Parteigenosse.

Die erste große nationalsozialistische Feier nach der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler war die Weihe der Parteifahne in Reetzerhütten am 20. August 1933. Das Zauch-Belziger Kreisblatt berichtete am 22. August:

„Wenn am frühen Vormittag noch einige Aussicht bestand, daß der Wettergott das Fest der Fahnenweihe begünstigen würde, so wurden diese Aussichten schmählich enttäuscht: denn gegen ½ 12 setzte bei bleigrau gezogenem Himmel ein feiner Regen ein, der sich zum sogen. Bindfadenregen auswuchs, und wenn auch noch nachher einige leidliche Stunden kamen, war doch durch den Regen ein großer Teil der gemachten Hoffnungen ge- und zerstört. Vieles, was der Bund deutscher Mädel in Verbindung mit den deutschen Turnern, ebenso die Schulkinder, zur Aufführung zu bringen beabsichtigten, mußte ausfallen und war umsonst eingeübt.

„Der Festzug, der einen trotz des Wetters über alle Maßen starken Zuspruch hatte, reichte von Karlswerk bis zur Schule Reetzerhütten, so daß schätzungsweise 1500 Teilnehmer vom Festlokal zum Festplatz hinauszogen. Weißgekleidete Kinder mit Blumenbogen in beiden Händen eröffneten den Festzug. Es folgten die Turn-, Schützen-, Krieger-, Handwerker- und Gesangvereine, die NSDAP. und NSBO. Der Stützpunkte Reppinichen, Reetz, Reetzerhütten, Bund deutscher Mädel, Ortsgruppe Reetzerhütten und Verstärkung aus Treuenbrietzen, Jungvolk und SA. aus genannten Orten und Wiesenburg unter Führung des Truppführers Müller und die Schulkinder unter Führung ihrer Lehrer. Auf dem Festplatz gruppierten sich die Verbände und Vereine um die dort errichtete Rednertribüne und mehr als zehn Fahnen schmückten mit ihren leuchteten Farben die Empore.

„Die Eröffnung des offiziellen Teiles fand ihre Einleitung mit einem sicher mit gutem Ausdruck gesprochenen Gedicht des Schulkindes Hampl (Altehölle). Hierauf überreichte die Leiterin der Ortsgruppe des Bundes deutscher Mädel, Pgn. Friedrich Reetzerhütten, dem zur Weihe der Fahne erschienenen Herrn Landrat von Werder unter gereimten Begrüßungsworten einen Blumenstrauß, der bei dem damit Beschenkten sichtbare Freude auslöste, Beide, der Prologsprecherin und der Parteigenossin Friedrich, dankte der Landrat von Werder durch einige freundliche Worte und Händedruck.

„In der nun folgenden Begrüßungsansprache durch den Propagandaleiter Pg. Hanitsch (Reetzerhütten) führte dieser aus, daß er die Ehr, die Erschienenen begrüßen zu dürfen, ganz besonders hoch einschätze, da er doch nicht einer der alten Pg. der herrlichen Bewegung sei. Kraft, Mut und Wille seien heute nötig, der Bewegung die Schwungkraft zu erhalten und unablässig weiter zuarbeiten. Er begrüßte die Erschienenen und gab seiner Freude Ausdruck, daß es so viele seien und sicher noch viel mehr wären. Wenn das Wetter nicht so in störender Weise sich bemerkbar machen würde. Er begrüßte ferner die SA. als besondere Kämpfer für die Bewegung, den Kreisleiter Scheinig und besonders herzlich den Pg. Herrn Landrat von Werder, dem er zugleich dafür dankte, daß er is trotz seiner vielen Arbeit möglich gemacht habe, die Weihe der Fahne vorzunehmen. Er begrüßte, daß der neue Landrat, entgegen dem Verhalten seiner Amtsvorgänger der früheren Regierungen, sich den Volksgenossen zeige und somit im Volke wurzle.

„Das Deutschland-Lied bekräftigte die Ausführungen des Pg. Hanitsch. Eine durch den strömenden Regen erzwungene Pause setzte eine und etliche Teilnehmer verließen Fluchtartig den Platz.

„In immer noch munter fließenden Regen begann nunmehr Herr Landrat von Werder seine Weiherede. Was könne der Regen schon einem Nazi anhaben? Wenn es natürlich viele solcher gebe, die sich wegen dieser ’kleinen Dusche’ unter ihrer eigenen Fahne verstecken, dann ...Wie die Anwesenden wohl hören könnten, sei er stark heiser. Auch schon des schlechten Wetters wegen sei er gezwungen. Sich kurz zu fassen, stelle aber in Aussicht. Bald wieder einmal in den äußersten Winkel seines Kreises zu kommen. Um die Einwohner auch dort persönlich kennenzulernen. Er dankte dem Pg. Propagandaleiter Hanitsch für seine Worte der Begrüßung und begrüße nun auch seinerseits alle Anwesenden. Eingehend auf die Bedeutung des Tages kennzeichnete er, daß der Nationalsozialismus Adolf Hitlers nicht nur einen Regierungswechsel bedeute, sondern daß sich damit eine neue Weltanschauung Geltung verschafft habe. Er könne nur empfehlen, denen, die der Bewegung noch nicht ihre volle Zustimmung gegeben, diese baldigt zu bewirken. Wenn der Nationalsozialismus auf der einen Seite eine harte Faust bedinge (siehe Oranienburg), so habe er auf der anderen Seite ein offenes Herz, und dieses nicht nur für den Einzelnen, sondern für alle Volksgenossen, die willens und bereit sind, mitzuhelfen und mitzuarbeiten für die Rettung und den Bestand des deutschen Volkes und Reiches. Dazu biete unser großer Führer Adolf Hitler jedem Volksgenossen die Hand. Ist es doch sein Wille und Wunsch, alle Volksgenossen in seiner herrlichen Bewegung zu vereinen, zu vereinen zu einem großen, starken, zufriedenen Volk im großen und schönen deutschen Vaterlande. Lobende, besonders schöne Worte fand Herr Landrat von Werder für die SA. Sei die Fahne, die heute geweiht werde, das Symbol der Geschlossenheit und Einheit, so sei zu bedenken, daß ohne SA. keine Fahne zu einer Weihe gekommen wäre. So berühre jetzt die Fahne der SA. die Fahne des Stützpunktes, damit beide nunmehr gemeinsames Zeichen des Kampfes und des Sieges seien.

„Damit war die Weihe der neuen Fahne des Stützpunktes Reetzerhütten der NSDAP. Vollzogen. Das Horst-Wessel-Lied, das jeder Feier erst die rechte Weihe gibt, erklang und die Hände reckten sich zum Grüße des erwachten neuen Deutschlands.

„Der Regen hatte nun nachgelassen und die Teilnehmer sichten und fanden Zerstreuung im Wettkämpfe beim Kleinkaliberschießen. Schießen mit Luftbüchsen und einer mit vielen, zum großen Teile gestifteten Preisen ausgestatteten Lotterie. Bierausschänke und Würstschenstände sorgten für das leibliche Wohl. So war aus dem völligen Mißlingen des Festes dennoch ein großer Teil gerettet.

„Die Schulkinder konnten nun auch ihre Künste zeigen. Ein Blumenbogenreigen nach Musik, der seinen Schluß in der Gestaltung eines Hakenkreuzes hatte, fand besonderen Anklang, wie auch die anderen Darbietungen, unter vielen Mühe eingeübt, ihre Anerkennung fanden.

„Nach dem Einmarsch, dem zum dritten Male ein anständiger Regenschauer voranging, fand beim Parteiwirt Schade ein fröhlicher deutscher Tanz statt, der bis zur Polizeistunde die Teilnehmer zusammenhielt.

„So wurde aus dem Fest zu Wasser werdenwollenden Fest dennoch ein wirkliches Fest, und der Stützpunkt Reetzerhütten kann einen großen und guten Erfolg buchen.“

Die Reetzer Parteigenossen scheinen nicht immer den erwünschten Einsatz zu zeigen. In den Berichten über Parteiversammlungen gab es öfter Beschwerden über mangelnde Teilnahme der Reetzer. Bei einem "Sprechabend" im Januar 1935 beschwerte sich Zellenleiter Lüdecke über die Parteigenossen, die es nicht für nötig hielten, zu erscheinen. "Sie sollten sich der unerschütterlichen Treue des Führers für seine Gefolgschaft bewußt sein, zu der auch sie gehören wollen."

Am 1. Februar 1935 wurde Reetz zum selbstständigen Stützpunkt erhoben und organisierte sich neu. Stützpunkt- und Schulungsleiter wurde Hermann Gottschalk. Die Tatsache, daß ausgerechnet der frühere Sozialdemokrat Gottschalk Leiter der NSDAP im Dorfe wurde, erklärt seine Tochter Ursula Kern. "Da mein Vater im Dorf derjenige war, der so am meisten Grips hatte und auch reden konnte, da haben die Nazis sich eines Tages gesagt, der könnte das machen und haben ihm das angetragen. Und vor allen Dingen, man konnte damals kaum ablehnen. Das ging gar nicht."
Pfarrer Röhr schrieb zur Situation der Lehrer:

„Die Politik bemächtigte sich der Schulen und setzte die Lehrer besonders auf den Dörfern als geeignete Sturm- und Rammböcke für die neue Weltanschauung ein. Die Lehrer kamen in große Gewissenskonflikte, verloren ihre Anstellung oder wurden die Könige und Tyrannen ihrer Dörfer. Bekannt dafür wurden die Lehrer in Schlamau, Reetz und Benken.“

Stellvertreter von Hermann Gottschalk wurde Hermann Friedrich, der auch Organisationsleiter war. Kassenleiter wurde Albert Heinrich. Ernst Reußner war für Presse und Propaganda zuständig. August Ihlow war Ausbilder. Die Blockwarte waren Otto Hansche, Ernst Krüger, Otto Voigt, Friedrich Lüdecke und Kurt Grohmann. Ortsamtswalter der DAF 4 war Wilhelm Müller aus Reetzerhütten. Margarete Gottschalk war Leiterin der NS-Frauenschaft.

Der Stützpunkt als Organisationsform wurde 1938 durch eine Verfügung aufgehoben und die Stützpunkte der NSDAP wurden in Ortsgruppen umgewandelt. Am 18. November 1938 wurde der Stützpunkt Reetz zur Ortsgruppe erhoben. Am 18. November wurde im Parteilokal Heinrich dies in Anwesenheit des Kreisleiters und Vertreter der Ortsgruppen Reetzerhütten und Reppinichen die Erhebung des Stützpunktes Reetz zur Ortsgruppe gefeiert. Nach den Liedern ´Deutschland, heiliges Wort‘ und ’Deutschland, heilig Vaterland‘ sprach Hermann Gottschalk.

"Ortsgruppenleiter Pg. Gottschalk entwarf den Lebensweg unserer Ortsgruppe...Kreisleiter Hilbig erinnerte zunächst daran, wie trostlos die nach Kriegsende heimkehrenden tapferen und unbesiegten deutschen Frontsoldaten ihre Heimat vorfanden. Ein einfacher Frontsoldat, Adolf Hitler, den der Glaube an ein besseres Deutschland beseelte, habe aber unter Einsatz seiner ganzen Person mit einer immer größer werdenden Schar sich aufopfernder, pflicht- und kameradschaftsbewußter Männer eine Bewegung geschaffen, die am 30. Januar 1933 den Sieg an ihre Fahnen heften konnte. Das Jahr 1938, so führte der Kreisleiter weiter aus, sei als Erhebung eines Stützpunktes zur Ortsgruppe insofern bemerkenswert, da es das Jahr der großen deutschen Erfolge durch die Heimkehr Österreichs und des Sudetenlandes ist. Nach diesem gewaltigen Siegeszug aber, so ermahnte der Kreisleiter, gebe es kein Rasten und Ruhen. Lebensbewußt weiterstreben und kämpfen, um der Jugend den Weg zu bereiten in das weite, große dritte Reich wie es uns die Vorkämpfer gezeigt haben, das sei unser Ziel!"


Andere nationalsozialistische Organisationen


Nicht nur in der NSDAP wurden die Reetzer organisiert. Einen besonders großen Zuspruch genoß die Nationalsozialistische-Frauenschaft, unter der Leitung von Margarete Gottschalk. Am Ende des Krieges wurde eine Mitgliederzahl von 120 angegeben. Die Popularität der Frauenschaft ist nicht schwer zu erklären. Ursula Kern, geb. Gottschalk: "Die haben nichts weiter gemacht, als daß sie sich abends getroffen haben, Lieder gesungen und gestrickt haben, wie das in der Spinnichte früher war. Fast alle Frauen waren drin. Da war kein Fernsehen, nichts. Da gingen die Frauen alle hin abends. Sie waren froh, wenn sie mal aus ihrem Bau rauskamen. Es wurde im Dorf nichts geboten sonst, gar nichts."

Einige Reetzer Männer sind der SA 5 beigetreten. Die Zahl ist der Mitglieder ist nicht mehr zu ermitteln, aber bald waren die braunen Uniformen der SA bei Feierlichkeiten nicht mehr weg zu denken. Wenn Kameraden heirateten, standen die Stürmer vor der Kirche Spalier.

Am Sonnabend, den 21. April 1934 bekam Reetz Besuch vom SA-Sturm 6/14 aus Spandau. Von der Dorfkapelle Christel wurden sie musikalisch begrüßt. "Tänzerinnen hatten sich eingefunden, um mit den braunen Gardisten ein Tänzchen zu wagen." Am folgenden Tag verabschiedeten sie sich mit dem Lied "Es zog ein Hitlermann hinaus": "sie wanken und sie weichen nicht, tun bis zum Tode ihre Pflicht."

Die "braunen Soldaten des Führers" taten ihren "Dienst" gelegentlich mit Geländeübungen, aber auch, wie im Februar 1938, mit der Sammlung von Altpapier und von Altwaren. "Nach der Sammelaktion wurde ein gemeinsames Mittagessen aus der Feldküche im Gasthaus Heinrich eingenommen."

Für die nationalsozialistische Führung war die Erfassung der Jugend von entscheidender Bedeutung. Jungen von 10 bis 14 wurden im Jungvolk erfaßt, Mädchen von 10 bis 14 bei den Jungmädel, Jungen von 14 bis 18 in der Hitler-Jugend (HJ) und die Mädchen des entsprechenden Alters im Bund deutscher Mädel (BDM).

Einen Eindruck von der Hitler-Jugend kann man vielen Berichten aus der Zeit entnehmen.

"Verpflichtung und Aufmarsch der Hitlerjugend des Unterbannes V/35 am Sonnabend, den 21. Juli in Reetz. Auf Veranlassung des Unterbannführers Grabowski in Belzig wird...der gesamte Unterbann der Hitler-Jugend am Feuer, welches gegen 10 Uhr auf dem Mühlenberg in Reetz entzündet wird, feierlich vereidigt. Ungefähr 500 brave, junge Kämpfer werden in dieser Abendstunde ihrem Führer Adolf Hitler unbedingte Treue geloben und komme, was kommen mag, diese Jugend wird alles einsetzen für ihren Führer und die nationalsozialistische Bewegung und somit für Deutschland...Die Einwohner von Reetz und Reetzerhütten werden gebeten, den HJ-Männern für diese Nacht ein Strohlager in Scheunen oder auf Böden zur Verfügung zustellen."

Aber nicht alle Reetzer waren für die Theatralik der Hitler-Jugend empfänglich. Am 26. August 1934 besuchte die Gefolgschaft 4 aus Wiesenburg, die Spielgruppe Belzig und der Spielmannszug Golze der HJ Reetz.

In dämmernder Abendstunde erfolgte ein Propagandamarsch durch die Straßen des Dorfes. Der Spielmannszug an der Spitze des Zuges, durchbricht mit Trommelwirbel und Flötenspiel die Stille des Abends. Gegen 21 Uhr geht es in den Saal. Dort soll sich das vorgesehene Programm entwickeln. Gefolgschaftsführer [Erich] Brandt, Führer der Gefolgschaft 4 Wiesenburg, begrüßt die nur mäßig Erschienenen und gibt seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß Reetz der Hitler-Jugend so wenig Verständnis entgegenbringt. Auf Tanzmusik und Vereinsvergnügen findet man tatsächlich mehr Beteiligung."

Und bei einer Kundgebung der HJ am 22. März 1935 beim Gastwirt Mehlitz hieß es, "Der Besuch ließ jedoch in Reetz viel zu wünschen übrig." Erst im Mai 1936, nach einer Jungvolkwerbeaktion, war es gelungen in allen Orten des Fähnleins 7/3/35, d.h. in Reetz, Reetzerhütten, Medewitz, Medewitzerhütten und Reppinichen, alle Jungen im Alter von 10 bis 14 im Jungvolk zu erfassen.

"Die Jungen, die vorläufig noch Anwärter sind, haben vor ihrer endgültigen Aufnahme eine Pimpfenprobe 6 zu bestehen. Unter anderem müssen sie eine eineinhalbtägige Fahrt mitmachen. Dies haben einige Pimpfe schon getan, indem sie an der Fahrt vom 9. und 10. Mai nach Belzig, die unter Leitung des Fähnleinführers stattfand, teilnahmen. Im Dienst werden sie schon jetzt auf die Probe vorbereitet. Außerdem wird jeder Jungvolkanwärter vor seiner Aufnahme ärztlich untersucht. So wird auch für die Gesundheit der Jungen gesorgt. In den Sommerferien werden sie dann an dem großen Lager des Jungbannes am Riebener See teilnehmen...So werden wir es in diesem Jahr erreichen, daß in den Sommerferien 400 Jungen aus dem gesamten Kreis 8 Tage lang losgelöst von der Schule, vom ’Arbeitsplatz‘ und vom Elternhaus unter Kameraden gleicher Art und Haltung sich stählen am Leib und Seele."

Aus einem Bericht vom 28. Juni 1937 heißt es:

"Zu einem außerordentlichen Appell hatte Stammführer Thiel das Fähnlein Reetz am Sonntag nach dem Mühlenberg befohlen. Alle Jungen waren in gewohnter Disziplin und tadelloser Uniform erschienen. Sie zeigten ihrem Stammführer, daß in Reetz unter Fähnleinführer Jakob zielbewußt gearbeitet wird."

Über den BDM gibt es nur wenige Berichte, was dem Stellenwert und der zugedachten Rolle der Frau im Nationalsozialismus entsprach. Viele Frauen erzählen, daß ihre Heimatabende viel mit Folklore zu tun hatten. "Einen netten Dorfabend veranstaltete unsere Hitler-Jugend gemeinsam mit dem BDM an Pfingstsonntag im Gasthaus Heinrich. Es wurden Volkstänze vorgeführt und Volkslieder gesungen. Zum Schluß tanzte man noch einige deutsche Rundtänze."


Die nationalsozistische Propaganda


Die Propaganda der NSDAP war überall und war im Wesentlichen eine Verehrung von Adolf Hitler und eine Verherrlichung alles "Deutschen" wie das von den Nationalsozialisten interpretiert wurde.

Am 15. Februar 1934, zum Beispiel, hielt ein Pg. Pohl aus Potsdam zweimal einen Lichtbildvortrag über das Leben Adolf Hitlers und die Geschichte der NSDAP im Saal des Gastwirtes Mehlitz. Am Nachmittag gingen die Schulkinder von Reetz und Reetzerhütten mit ihren Lehrern hin. Abends um 20 Uhr wurde der Vortrag nochmals für die Erwachsenen gehalten.

"Der Apparat zeigte unseren Führer Adolf Hitler grüßend im Lichtbild. Angesichts dieses Bildes erhoben sich die Erschienenen von den Plätzen und sangen auf Wunsch des Pg. Pohl: ’Ich hab’mich ergeben, mit Herz und Hand‘. Pg. Pohl begann seine Rede. Bild auf Bild folgte. Die Jugend des Führers, der Soldat Adolf Hitler im Felde, bewiesen, daß der Weg unseres Führers nicht auf Rosen gebettet war. Aber der Führer hat daraus gelernt und Konsequenzen für die Zukunft gezogen. Weitere Bilder folgten. Die Entstehung der NSDAP., die Blutfahne vom 9. November 1923. Der Redner läßt die gefallenen Kameraden wie Schlageter, Horst Wessel, Norkus, Hans Mankowski usw. in unserem Gedächtnis auftauchen. Den gefallenen Brüdern zu Ehren sangen alle Anwesenden das Lied vom guten Kameraden. Die nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei wird größer und stärker Am 30. Januar 1933 marschiert die SA. im Fackelzug durch die Straßen Berlins an dem Führer Adolf Hitler und dem Reichspräsidenten von Hindenburg vorüber. Deutschland ist erwacht. Mit den Bildern des 1. Mai 1933 auf dem Tempelhoferfeld, Jugendtreffen in Potsdam, geht der Vortag zu Ende. Das letzte Bild, der Führer in marschierender Haltung. Ausführlich spricht der Redner vom Kampf des Nationalsozialismus. Andächtig wird das Horst-Wessel-Lied 7 gesungen. Der Redner verlas einen Psalm. Das Deutschlandlied ertönte. Noch ein Gedicht gibt uns Pg. Pohl mit auf den Weg."

Pg. Hermann Friedrich bedankte sich im Namen des Stützpunktes und meinte,

"Es ist anzunehmen, daß nach dem so überzeugend gebrachten Lichtbildvortrag des Pg. Pohl jeder Besucher nach der Vorstellung ein Nationalsozialist sein müßte. Ausführlicher und klarer kann keinem Menschen gezeigt werden, für wen unser Führer und die NSDAP. kämpfen. Nur nach einem Grundsatz: ‘Gemeinnutz geht vor Eigennutz‘, kämpfen Führer und Gefolgschaft für ein Ziel: Deutschland."

Im Juni 1934 ließ Hitler, mit dem Einverständnis der Armeeführung, die Führung der SA wegen angeblicher Putschpläne, blutig ausgeschalten 8 und bei der Gelegenheit einige seiner politischen Gegner kaltblütig umbringen, unter anderen seinen Amtsvorgänger Kurt von Schleicher. In der Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung wurde am 3. Juli berichtet. "Ferner wird amtlich mitgeteilt: Dem ehemaligen Stabschef Röhm wurde Gelegenheit gegeben, die Konsequenzen aus seiner hochverräterischer Handlung zu ziehen. Er tat dies nicht und wurde darauf erschossen."

Bei der Abstimmung am 19. August 1934, zu Hitlers Übernahme des Amtes des Staatsoberhauptes nach dem Tode von Reichspräsident von Hindenburg, stimmten zwar eine überwiegende Mehrheit von 558 Reetzern mit "ja", aber immerhin waren es noch 39, die es wagten mit "nein" zu stimmen. Weitere fünf Stimmen waren ungültig.

Für die Propaganda der NSDAP war in Reetz Hauptlehrer Hermann Gottschalk, der auch Schulungsleiter der Partei war, verantwortlich. Bei vielen Anlässen, Sprech- und Schulungsabenden des Stützpunktes bzw. der Ortsgruppe der NSDAP und auf anderen öffentlichen Veranstaltungen vertrat er die Propaganda der Partei. Der Versailler Vertrag, der den Ersten Weltkrieg offiziell beendete, Deutschland große Gebietsverlüste einbrachte, ihm riesige Reparationszahlungen auferlegte, seine militärische Freiheit drastisch einschränkte und ihm die Schuld am Ausbruch des Krieges zuschrieb, bezeichnet er als "Schandfrieden":

"Eingehend erläuterte der Redner mit wieviel Haß und Lüge uns dieser ´Frieden‘ diktiert wurde. Wie man unser deutsches Vaterland zerstückelte und wie wir bezahlen mußten. Nur unser Führer gebot hier Halt und fordert Deutschlands Gleichberechtigung und Ehre. Um dies zu erreichen, muß das ganze deutsche Volk hinter unserem Führer stehen. Mit dreifachem Sieg-Heil schloß der Stützpunktleiter den Sprechabend." -28. Juli 1934-

Zu den "äußeren Feinden des Reiches":

"Der Redner sprach über äußere Feinde des Nationalsozialismus. Scharf geiselte er die Politik der Rüstungsindustrie unserer früheren Gegner und der Emigrantenpresse, die stets nur Unfrieden stiften und Deutschland gern in einen Krieg verwickelt sähen. Nur der stets entschlossenen und weitblickenden Friedenspolitik unseres Führers und Reichkanzlers Adolf Hitler sei es zu verdanken, daß eine Entspannung der außenpolitischen Lage eingetreten sei." -19.Dez. 1934 –

Zum Kommunismus:

"Die internationale Zersetzungspolitik des Kommunismus verteile sich über die ganze Welt. Der Nationalsozialismus dagegen sehe nur die Interessen seines eigenen Volkes. Der Stützpunktleiter schilderte ausführlich, mit welche furchtbaren Mitteln der Kommunismus seine Ziele unter allen Völkern anstrebe. Zahllose Einzel- und Massenmorde, Brände, Terror und Gottlosigkeit sowie die trostlosen Zustände im eigenen Lande kennzeichnen den Kommunismus in Sowjetrußland. Der Nationalsozialismus in Deutschland dagegen baue sich auf Zucht und Ordnung auf. Er hat die Arbeitslosigkeit beseitigt, geregelte Verhältnisse geschaffen und dem deutschen Volk seine Einigkeit und Freiheit wiedergegeben. Dem Führer, so schloß der Redner sein Referat, habe das deutsche Volk dafür zu danken. Denn Deutschland ist eine Insel der Ordnung." - November1935-

Und immer wurde "der Führer" gelobt:

"Der Redner erklärte unter dem Leitsatz: ‘Ein Volk, ein Reich, ein Führer‘, in großen Umrissen den Weg des deutschen Volkes aus weit zurückliegender Vergangenheit vom Ersten bis zum Dritten Reich. Das deutsche Volk, das große und schwere Zeiten durchgemacht habe, sei aber infolge zügelloser Regierungsmethoden, besonders des November-Regimes 1918,9 zerstückelt worden. Der Redner betonte die rastlose Arbeit des Führers, der aus dem am Abgrund befindlichen Volk schon wenige Wochen nach der Regierungsübernahme ein geeintes deutsches Volk geschaffen habe."-27. Oktober 1934 –

"Die Welt erkenne bereits die Kraft und Genialität des deutschen Volkes an. Wie der Führer zu der Nation, so müsse die ganze Nation geschlossen hinter ihm stehen. Jeder Deutsche muß den Glauben an den Führer haben."- 1.März 1935 –

"In Liebe und Treue wollen wir alle hinter dem Führer stehen und unsere Treue in der Tat beweisen." - 25.April 1935 –

Als Hermann Gottschalk am 1. März 1935 sein 25jähriges Dienstjubiläum gefeiert wurde, hieß es, "In unserem Ort und darüber hinaus hat sich Herr G. ein großes Ansehen erworben...sein Dienst an Schule und Kirche [sind] vorbildlich." Durchseine Autorität und Bildung verlieh er der nationalsozialistischen Propaganda Seriösität. Bei der Feier zum Dienstjubiläum sprach Bürgermeister Hermann Friedrich den Wunsch aus, "daß es ihm als Hauptlehrer und Stützpunktleiter des hiesigen Stützpunktes der NSDAP vergönnt sein möge mit uns zusammen zum Wohle der Schule, Gemeinde und zum Wohle des deutschen Volkes zur Unterstützung des großen Werkes unseres Führers und Reichkanzlers Adolf Hitler" noch lange tätig sein.

Die neue Zeit schlug auch in der von Gottschalk geleiteten Schule durch. Am 21. März 1934 hatte die Lehrerschaft, im Gasthaus Mehlitz, einen Elternabend veranstaltet,

"der in seiner ganzen Gestaltung und Durchführung im Zeichen der neuen Zeit stand...Die Erziehungsgrundsätze in der Schule, an die die Lehrerschaft gebunden war, erschwerte die freie Entfaltung jugenderzieherischer Bestrebungen der ihren Beruf ernst nehmenden Lehrer. Und so waren Hemmnisse zu überwinden, die der freien Entwicklung der schönen und hohen Ziele eine Grenze setzten. Im Dritten Reich der deutschen Nation wurden durch Adolf Hitler dem deutschen Volke neue Richtlinien auch zur Jugenderziehung gegeben und erst jetzt war es möglich, dem Jugenderzieher ein freies Betätigungsfeld zu überlassen, wenn er den Geist der neuen Zeit erfaßt hat und er in einer nationalsozialistischen Ideenwelt wandeln und handeln kann. In diesem Sinne verlief der gestrige Elternabend..."

Bei einer Mitgliederversammlung am 21. September 1934 in Reetz, nach der Rückkehr der Reetzer Delegation vom Reichsparteitag 10 der NSDAP in Nürnberg uns sechs Tage nach der Verkündigung der Rassengesetze ("Nürnberger Gesetze"),

"berichtete der Stützpunktleiter über die zum Erlebnis gewordene Beteiligung am Reichsparteitag der Freiheit und beschrieb die Veranstaltungen der verschiedenen Formationen. Die Augen unserer Nürnbergfahrer leuchteten, als der Stützpunktleiter berichtete,
daß die mehr als einmal den Führer aus unmittelbarer Nähe in die Augen schauen konnten. 11

Besonders interessant berichtete Pg. Gottschalk auch von den Vorführungen der jungen deutschen Wehrmacht, die dort erstmalig im Zeichen der durch den Führer wiedererstandenen Wehrfreiheit ihr Können unter Beweis gestellt hat. Der Stützpunktleiter schloß mit dem Wunsch, daß alle 12 Parteigenossen einmal einen Reichsparteitag besuchen und miterleben konnten.”

Der Ortsgruppenleiter war der "Hoheitsträger" der NSDAP in seinem Ort. Ihm wurde von der NDSAP "das politische Hoheitsrecht" übertragen. Er hatte für eine "ausreichende und weltanschaulich einwandfreie Schulung der Politischen Leiter und Parteimitglieder zu sorgen." Er war aber auch für "die gesamte politische Lage" in seinem "Hoheitsbereich" zuständig und hatte dadurch auch Befugnisse gegenüber Nichtmitglieder. Der Ortsgruppenleiter hatte die Aufgabe, "durch geeignete Veranstaltungen die Bevölkerung nationalsozialistisch auszurichten." Er war auch der Aufpasser im Orte und hatte "sich durch die der Gemeindevertretung angehörenden Politischen Leiter seines Stabes überkommunale Vorhaben und Beschlüsse Bericht erstatten zu lassen und nötigenfalls an den Beauftragten der Partei zu melden." Weiter hatte er Listen über die "politische Zuverlässigkeit" der Bewohner zu führen.

Filme wurden in den Gasthöfen Mehlitz und Heinrich gezeigt und waren stets gut besucht. Am 9. März 1933, nur vier Tage nach der Reichtagswahl, die Hitlers Regierung eine Mehrheit beschaffte, wurde im Gasthof Mehlitz der Film "Bismarck", "ein Film aus Deutschlands größter Zeit" gezeigt. Veranstalter war Kapitän d.R. a.D. Mumm aus Kassel. Bald aber kamen alle Filme aus der Gaufilmstelle Kurmark der NSDAP, denn die nationalsozialistische Führung erkannte die Macht des Filmes als Mittel der Propaganda. Vor manchen Vorstellungen erläuterte Hermann Gottschalk die Hintergründe der Filme.

Es wurden vorwiegend Unterhaltungsfilme gezeigt, aber auch reine Propagandawerke. Am 18. Oktober wurde bei Heinrich der Film "Der höhere Befehl" gezeigt, "welcher das Schicksal eines Kämpfers für Deutschlands Wiederauferstehung vor Augen führt". Am 20. November 1937 kam der Film "Weiße Sklaven", "der einen erschütternden Eindruck von der russischen Revolutionszeit hinterließ". Auf einer Mitgliederversammlung der NSDAP betonte Gottschalk, "daß die Filme der Gaufilmstelle die Volksgenossen tiefer und tiefer in das nationalsozialistische Gedankengut hineinführen und nicht zuletzt auch für alle schaffenden Menschen Erholung und Entspannung bedeuten."


Winterhilfswerk (WHW)


Unter dem Motto "Gemeinnutz vor Eigennutz" redeten die Nationalsozialisten viel von der "Volksgemeinschaft". Eine Einrichtung, die diese Gemeinschaft verkörpern sollte, war das Winterhilfswerk (WHW), das notleidende "Volksgenossen" unterstützen sollte. In jedem Winter wurde mit großem propagandistischem Aufwand für das WHW gesammelt. Im Grunde war das Spenden eine Frage des "freiwilligen Zwangs". Im November 1936 überwies der Turnverein einen Teil der Einnahmen von ihrem Winterfest dem WHW. Ende Januar 1937 veranstaltete die Kriegerkameradschaft ein Schießen zugunsten des WHW und konnte 36,70 Reichsmark überweisen. Danach gab es jedes Jahr "Opferschießen" unter Leitung des Bürgermeisters.

Auch wurden jedes Jahr Plaketten verkauft. "Der Plaktettenverkauf am Sonntag [den 6. Nov. 1935] hatte einen recht guten Erfolg. Die SS und SA setzte 201 Stück der gefälligen WHW-Schiffchen um, das bedeutete eine Einnahme von 40,20 RM."

Am 20. April 1936, auf einer Versammlung anläßlich des Geburtstages von Adolf Hitler, gab Lehrer Kumm, Ortsbeauftragter des WHW, seinen Rechenschaftsbericht.

"Der Redner gab einige Ergebnisse unserer Gemeinde bekannt. Es sind hier an Geldspenden 1068,63 RM und an Sachspenden 250 Zentner Kartoffeln aufgebracht worden. Auch die hiesige Jägerschaft habe sich mit sämtlichen Revieren am WHW beteiligt. An Pfundspenden sind 418 Pfd. Lebensmittel und 21,30 RM an Geld gespendet worden"


Nach der Versetzung Lehrer Kumms aus Reetz wurde Hermann Friedrich Beauftragter des WHW.

Aber das Winterhilfswerk war nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie, eine Frage der Wohlfahrt. Stützpunktleiter Gottschalk faßte den Sinn kurz zusammen. "Das Winterhilfswerk ist ein geniales Werk des Führers. Es bringt dem armen und bedürftigen Volksgenossen nicht nur Hilfe, sondern erzieht das ganze Volk zu einer Gemeinschaft."


Die Kirche im Dritten Reich


Auch die Reetzer Kirche entzog sich der "nationalen Erhebung" nicht. Am 2. August 1934 starb Reichpräsident von Hindenburg. Fünf Tage lang läuteten die Kirchenglocken von 20 bis 21 Uhr. Am 5. wurde ein Trauergottesdienst für den verstorbenen Präsidenten gehalten.

"Die geschlossenen Formationen der SA., PO.13 HJ., und BDM., Krieger- und Turnvereine von Reetz und Reetzerhütten, die Gesang-, Radfahrer- und Schießvereine marschieren mit umflorten Fahnen in das Gotteshaus. Die Fahnenträger und -trägerinnen nehmen links und rechts vom Altar Aufstellung. Die Akkorde der Orgel, der Gesang des Chorals: ’Eine feste Burg ist unser Gott’ drängen durch den Kirchenraum. Herr Pastor Eitner gedenkt der großen Heldentaten, des frommen göttlichen Glaubens und des langen, ehrenvollen Lebens des Toten. Mit der Stunde der Trauer verbindet der Prediger aber auch den Dank an den Allmächtigen Gott dafür, daß Deutschland diesen Mann besitzen durfte. Der Geistliche gedenkt des 20. Jahrestages des Kriegsausbruchs und der auch in unserer Gemeinde in dem großen Kriege gefallenen Helden und des Führers und Reichkanzlers, der nun die ganze Sorge um das Wohl des deutschen Volkes übernommen hat. Mit dem Choral ’Wir treten zum Beten’ und dem Gebet ist der Gottesdienst beendet."

Im Januar 1935 wurde ein Gottesdienst gehalten, um der "Vorsehung" für das Bekenntnis des "Saarvolkes"14 zu Deutschland zu danken. Im März 1935, am damaligen Heldengedenktag, trat diese Tendenz noch deutlicher hervor.

"Am Heldengedenktag, der den im Weltkriege und für die nationalsozialistische Bewegung gefallenen Kameraden gewidmet ist, zeigt unser Dorf Trauerbeflaggung. Sämtliche Vereine und Verbände der beiden Gemeinden Reetz und Reetzerhütten erschienen zum Gottesdienst. In seiner Predigt gedachte Pastor Eitner der tapferen Toten und verglich nach einem Bibelwort das Sterben mit dem Samenkorn, das vergeht um neue Frucht zu bringen, die im neuen Deutschland aufgegangen ist."

Wie seit dem Ende des Kaiserreiches nicht mehr der Fall war - die Weimarer Republik hatte das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat eingeführt- stand die Reetzer Kirche praktisch wieder im Dienste des Staates.

Aber das nationalsozialistische Regime war grundsätzlich antichristlich und die Kirche wurde allmählich an den Rand gedrückt. 1935, bei der Feier zum 1. Mai, sang der Reetzer Kirchenchor das Lied der Deutschen Arbeitsfront. Schon ein Jahr danach spielte die Kirche bei den Feierlichenkeiten keine Rolle mehr und man liest nicht mehr von Gottesdiensten im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Feiern.

1933 hatte Adolf Hitler zunächst auf die sogenannten Deutschen Christen gesetzt. Sie sahen im Nationalsozialismus ein Ergebnis des Heilshandelns Gottes. Aus rassistischen Gründen lehnten sie das Alte Testament ab und schloßen die Aufnahme von "Nichtarieren" in die Gemeinde aus. In den Kirchenwahlen 1933 konnten sie, unter anderem dank der persönlichen Invervention Hitlers eine starke Position in der Evangelischen Kirche erringen. (Später ließ Hitler die deutschen Christen fallen.) Als Reaktion darauf schloßen sich eine Minderheit in der Kirche zu der Bekennenden Kirche zusammen. Auf ihren Mitgliederausweisen druckten die Bekennenden Christen ihr Selbstverständnis: "Sie wissensich zu entschlossenen Kampf wider jede Verfälschung des Evangeliums und wider jede Anwendung von Gewalt und Gewissenszwang in der Kirche verpflichtet." In den Jahren 1936-1937 verschärfte sich der Konflikt zwischen dem Staat und der Minderheit innerhalbder Kirche, die sich in der Bekennenden Kirche organisiert hatte. 1937 wurden über 800 Pfarrer und führende Laien verhaftet. Die NSDAP legte es ihren "Hoheitsträgern" nahe, sich von der Kirche zu distanzieren.

1937, nach 27 Jahren, hörte Stützpunktleiter und Lehrer Hermann Gottschalk auf, in der Kirche die Orgel zu spielen. Alfred Götze erinnert sich an die Änderung: "Von Gottschalk wurden wir eingeteilt, sechs Mann. Wir mußten in der Kirche singen. Bei unserer Gruppe hat Oschatz Richard mal unentschuldigt gefehlt. Wir waren bloß vier Mann. Dann hieß es am Montag, wo bist du gewesen? Batsch, batsch, schon hatte er ein paar weg gehabt, der Oschatz. Er ist gar nicht richtig zu Worte gekommen. Und es hat nicht mal sechs Wochen gedauert, und da hieß es, die Kirche interessiere ihn [Gottschalk] nicht mehr."

Gemäß einer kirchlichen Verordnung vom 20. April 1938 (Hitlers Geburtstag!) mußten alle evangelischen Pfarrer der altpreußischen Union folgenden Eid schwören: "Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meinen Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe."

Am 10. November 1938, also am Tage nach dem Pogrom, ordnete der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) an, Lehrer sollten den Religionsunterricht sofort niederlegen, da „eine Verherrlichung des jüdischen Verbrechervolkes an den deutschen Schulen nicht mehr länger geduldet werde könnte.“


Feiern


Es wurden nationalsozialistische Feiern eingeführt, bzw. Feier wurden im Sinne des Regimes gestaltet. Ab 1934 wurde auch die Sonnenwendfeier auf dem Mühlenberg veranstaltet.

"Unter großer Beteiligung der Bevölkerung wurde am Sonnabend auf dem Mühlenberg die Sonnenwendfeier begangen. Gegen 9 Uhr abends setzte sich ein langer Zug u.a. Schuljugend, HJ., SA., BdM. und PO. in Bewegung. Am Ziel angekommen wurden von Knaben und Mädchen der hiesigen Schule unter Leitung des Lehrers Kumm und des Hauptlehrers Gottschalk Freiübungen und Reigen vorgeführt. Auch die Jungmädels vom BdM. unter ihrer Leiterin Helene Witte führten Freiübungen vor. Mit starkem Beifall wurden alle belohnt. Nun sprach Schulungsleiter Pg. Gottschalk über den Sinn der Sonnenwendfeier. Er erklärte: Was die Feier für unsere Vorfahren, die alten Germanen war, soll sie auch für uns sein. Er betonte, daß sie uns noch mehr sei, da wir in einer geschichtlichen Wende stehen, die unser deutsches Volk zur Einheit formt. Dem Gründer dieser Einheit, unserem Führer Adolf Hitler, den uns die Vorsehung als Retter schickte, möchten wir heute Dank abstatten. Mit dem deutschen Gruß schloß Pg. Gottschalk seine Ausführungen. Unter dem Sonnenwendlied der Jugend: ‘Flamme empor‘ wurde der große Holzhaufen in Brand gesetzt. Nachdem dieser ziemlich abgebrannt war, sprach der Organisationsleiter Pg. Hermann Friedrich noch einige ermahnende Worte und schloß mit dreifachem Siegheil auf den Reichspräsidenten [von Hindenburg] und auf den Führer."

Am ersten Sonntag nach Michaelis (dem 29. September) war Erntedankfest. Auch das Erntedankfest wurde im Sinne der nationalsozialistischen Politik instrumentalisiert und ab 1933 im großen Stil gefeiert. So wurden die Feierlichkeiten im Jahre 1935 beschrieben.

"Der Erntedanktag ist in Reetz würdig gefeiert worden. Frühmorgens waren unsere Einwohner mit dem Ausschmücken der Häuserfronten beschäftigt. Tannengrün, Eichenlaub, Feldblumen, Gartenblumen und Früchte aller Art fanden - als Symbol und Dank zugleich - reiche Verwendung. Reetz legt sein schönstes Festkleid an. Fahnen und Fähnchen grüßten von überall her. Zum ersten Mal beherrschten die Hakenkreuzfahnen allein das Bild. Die Fahnen des Führers und des Dritten Reiches marschieren...
"Den Auftakt der Reetzer Erntedankfeier bildete ein Gottesdienst, der sehr gut besucht war. Pastor Eitner hatte für die Ausschmückung und Gestaltung des Gottesdienstes sein Möglichstes getan. Der Altar stand im Schmuck des Tages. Mädchen mit Feld- und Gartenfrüchten umstanden den Altar, während der Geistliche mit ihnen Bibelsprüche austauschte, die dem Schöpfer aller Dinge gewidmet waren. In seiner Predigt gedachte Pastor Eitner des Führers, der durch Not und Zwietracht hindurch das deutsche Volk zur Einigkeit und Stärke führte. Das deutsche Volk schuldet dem Führer Dank für diese seine Ernte. Dem Allmächtigen gehört unser Dank ebenfalls, so betonte der Prediger weiter, denn er gab seinen Segen zu dem Werk des Führers 15. Mit dem Dank für die Ernte verband er auch die Mahnung, im kommenden Winter bei Sammlungen der notleidenden Volksgenossen zu gedenken. Der Choral ’Nun danket alle Gott’, bildete den Abschluß des Gottesdienstes, der in allen Herzen Platz gefunden hat."

Gegen 3 Uhr nachmittags versammelten sich Jungvolk, Partei, Erntewagen, Schnitter und Schnitterinnen mit Feldgeräten, die Kameraden der Arbeitsfront und nahmen Aufstellung. Kurz nach 3 Uhr begann dann der Marsch durch die Straßen unseres Dorfes. Eine Stunde später war der Zug auf dem Dorfplatz angelangt, wo sämtliche Einwohner versammelt waren.

"In einer kurzen Ansprache wußte Stützpunktleiter Pg. Gottschalk den Sinn und die Bedeutung des Tages der versammelten Menge klar zu machen. Er erklärte: Wie die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei erst vor kurzen den Reichparteitag der Freiheit feierte, so steht auch der deutsche Erntedanktag erstmalig im Zeichen der Freiheit. Während sich über das Ausland Unruhe und Unfrieden verbreitet, feiert das deutsche Volk seinen Erntedanktag in Freiheit und Frieden. Während im Ausland Mindestpreise für landwirtschaftliche Produkte bezahlt werden, hat unsere Wirtschaft festgelegte Preise. Nicht nur dem Allmächtigen gilt unser aller Dank, der die Arbeit des Führers segnete, sondern in großem Maße dem Führer für seine Arbeitsernte. Zum ersten Mal feiert das deutsche Volk das Erntedankfest mit unserer deutschen Saar gemeinsam. Zum ersten Mal im Zeichen der wiedererstandenen Wehrmacht, die nicht ein Instrument des Krieges, sondern Schutz für die deutsche Ernte ist. Scharf wandte sich der Stützpunktleiter gegen die Kritiker. Menschen, die immer etwas einzuwenden haben, können wir nicht gebrauchen, die bringen unser deutsches Volk nicht vorwärts! Er gedachte dann der Veranstaltung auf dem Bückeberg, zu der in diesem Jahr zwei Bauern unseres Dorfes pilgerten 16. Nachdem der Stützpunktleiter auf die bedeutsame Rede unseres Führers hingewiesen hatte, schloß er mit einem Treuegelöbnis an den Führer seine mit großem Beifall aufgenommenen Rede. "Hierauf ergriff der Bürgermeister, Organisationsleiter Pg. Friedrich das Wort. Er forderte u.a. die Gemeinde auf, weiter mitzuhelfen am Aufbauwerk des Führers, dem unser aller Dank gebührt. Die Nationalhymnen gaben dem Ganzen einen würdigen Abschluß. Einige Stunden Tanz bot dann den Jüngsten unseres Dorfes Freude und Wohlgefallen. Abends zum Erntetanz im Saale des Pg. Mehlitz fanden sich dann alle wieder ein und unter den Klängen der Musik triumphierten...Gemeinschaft."

1933 hieß der der 1. Mai "Fest der Nationalen Arbeit". 1935 war er "Tag der Deutschen Arbeit" geworden und schließlich "Nationalfeiertag des Deutschen Volkes". Eine Beschreibung des 1. Mai 1936 in Reetz:

"Der 1. Mai gestaltete sich hier zu einem wahren Feiertag. Wieder hatte unser Dorf ein überaus festliches Gewand angelegt. Alle Einwohner hatten sich die größte Mühe gegeben, den Tag durch festliches Ausschmücken mit frischem Birken- und Tannengrün auszuzeichnen. Fast kein Haus war ohne Fahne. Am Vorabend des nationalen Feiertages wurde von der gesamten hiesigen Hitlerjugend der Maibaum, eine 12 Meter hohe prächtige Birke, unter Trommelklang und Gesang eingeholt und errichtet.

"Der nationale Feiertag selbst begann mit dem Wecken der Hitler-Jugend, die sich dann gegen 8 Uhr zum Gemeinschaftsempfang der Rede des Reichjugendführers in der Schule versammelte. Zum Gemeinschaftsempfang des Staatsaktes mit der richtungsgebenden Rede des Führers marschierten die Formationen geschlossen vom Parteilokal Heinrich zum Dorfplatz unter den Maibaum. Dort hatte sich schon eine große Menge unserer Einwohnerschaft versammelt. Hier standen sie nun alle, Kopf- und Handarbeiter, Schulter an Schulter, und nahmen die Worte des Führers in sich auf.

"In dem Umzug durch unser Dorf marschierten: SA., die politischen Leiter, HJ., BDM. und Arbeitsfront. Die vielen weiteren Volksgenossen säumten die Straßen, durch die der Marschführte. Anschließend fand eine Ansprache des Hoheitsträgers statt. Stützpunktleiter Pg. Gottschalk stellte seine Worte unter das Motto: ‘Freut Euch des Lebens‘. Freuen wollen wir uns, so erklärte er, daß wir wieder ein einig Volk sind, daß unsere Arbeitslosen wieder Arbeit haben, freuen wollen wir uns, daß wir unsere Freiheit und unsere Ehre wiederhaben. Gedichte und Sprechchor umrahmten die feierliche Stunde auf dem Platz unter dem Maibaum, der mit bunten Bändern geschmückt, dem Platz das Gepräge gab. Nach der Führerehrung und den Nationalhymnen vergnügte sich die Jugend beim Tanz. Am Abend und Abschluß des festlichen Tages hatte sich der Saal dicht gefüllt. Die frohe Laune triumphierte, und tüchtig wurde das Tanzbein geschwungen, bis die vorgerückte Zeit zur Scheidung ahnte."

Ebenfalls regelmäßig gefeiert wurden der 30. Januar, Tag der "Machtübernahme", so im Jahre 1937:

"Aus Anlaß des 4. Jahrestag nationalsozialistischer Staatsführung gab unsere Einwohnerschaft durch die Beflaggung fast aller Häuser sichtbaren Ausdruck des Vertrauens und der Verbundenheit zum Führer und seinem Werk. Im Mehlitzschen Saale fand am Abend des 30. Januar eine große feierliche Kundgebung statt. Die Formationen der NSDAP und deren Untergliederungen erschienen geschlossen. Die hiesige Kriegskameradschaft(Kyffhäuser)17 marschierte ebenfalls geschlossen auf. Unter den Klängen des Badenweiler Marsches, gespielt von der Kapelle Ranke-Ziesar, erfolgte der Fahneneinmarsch. Nachdem ein Pimpf ein Gedicht vorgetragen und die Schuljugend gesungen hatte, sang der Männer-Gesangverein Reetz das Lied:’Deutsches Herz, verzage nicht‘. Dann ergriff der Stützpunktleiter Pg. Gottschalk das Wort. "Er führte u.a. aus, daß der Dank an den Führer der Sinn des Tages sei. In zwei Punkten faßte der Redner die ungeheueren Leistungen und Verdienste des Führers zusammen. Die innere Wiedergeburt aus der Zerrissenheit zur Einheit und die Wiederherstellung der Hoheit über das aus der Knechtschaft auferstandene gesamte Reichsgebiet. Der Stützpunktleiter stellte fest, welcher gewaltige Unterschied zwischen dem 30. Januar 1933 und dem heutigen Tage liege. Damals: Not, Elend, Klassenkampf. Heute: Friede, Freude, Einigkeit. Deutschland ist schöner geworden. Es bilde heute eine Gemeinschaft. Deutlicher als durch das Winterhilfswerk könne diese schicksalsverbundene Gemeinschaft nicht gezeigt werden. Zum Schutze des an seinem Aufbau schaffenden Deutschland stehe die vom Führer geschaffene neue deutsche Wehrmacht. Die NSDAP. und das deutsche Volksheer seien die beiden Säulen, die für Deutschlands Gesundung bürgen. Für diese Arbeit, die der Führer mit einem getreuen Mitarbeiterstab für uns tat, und in der er sein ganzes Vertrauen in uns setzte, so schloß der Stützpunktleiter, gehört ihm unser aller Vertrauen und unauslöschlicher Dank durch die Tat zum weiteren, friedlichen Aufbau unseres Vaterlandes.

"Nach dem Lied des Männer-Gesangsvereins ´Schlachtgesang‘ bekundete mit erhobener Stimme der Zellen- und Organisationsleiter Pg. Friedrich für alle das Gelöbnis der unerschütterlichen Treue zum Führer und Reichskanzler, das mit einem Sieg-Heil auf den Führer und unser Deutschland, in das die Versammelten stürmisch einstimmten, abschloß.

"Damit wurde die Kundgebung abgeschlossen. Eine Stunde voll des Dankes und der Treue für den Führer ist verklungen!"


Und selbstverständlich wurde der Geburtstag des "Führers" gefeiert. Der Personenkult erreichte seinen Höhepunkt am 20 April 1939, als Adolf Hitler 50 wurde. In einem Bericht vom 21. April hieß es:

"Die Gemeinde Reetz legte am 50. Geburtstag des Führers schon rein äußerlich ein starkes Glaubensbekenntnis zu unserem großen Führer ab. Noch nie war unser Dorf so schön ausgeschmückt wie gestern. Die Abendstunden vereinten dann ganz Reetz im Parteilokal Heinrich zur Feierstunde der NSDAP. Den Auftakt der Feierstunde bildete der geschlossene Einmarsch der HJ., SA. und des NSKK 18. Es folgten die Fahnen. Die Jugend des Führers eröffnete die Feierstunde mit dem Lied ‘Deutschland heiliges Vaterland‘ und mit Gedicht vorträgen. Nach einem Gedicht, das ein Hitler-Junge sprach, sprach Ortsgruppenleiter Gottschalk einleitende Worte. Dann schmückte er das Führer-Bild aus.
"Auch in Reetz wurden im Rahmen dieser Feierstunde die vierzehnjährigen Jungen und Mädel in die HJ. bzw. den BDM. überwiesen und der Jahrgang 1929 in das Jungvolk bzw. die Jungmädelschaft übernommen. Die Verpflichtung auf den Führer erfolgte durch den Ortsgruppenleiter.

"Nachdem die Hitler-Jugend die Lieder ’Wir sind die Fahnenträger der neuen Zeit‘ und ’Nichts kann uns rauben’ gesungen hatte, gab Ortsgruppenleiter Gottschalk einen mitreißenden Ueberblick über das rastlose Kämpfen und Schaffen des Führers um die Einigung des deutschen Volkes. Aus dankbaren Herzen heraus brausten das Sieg-Heil auf den Führer und die Lieder der Nation durch den Saal und gaben der schönen Feierstunde einen würdigen Abschluß."

Anderen Feiern wurden keine solche ideologische Untermauerung gegeben. Anfang Oktober 1935 wurde ein Winzerfest veranstaltet. "Gastwirt Mehlitz hatte es verstanden, unter seinen Gästen eine echte volkstümliche, rheinische Stimmung hervorzuzaubern. Beim Betreten des Saales glaubte man sich plötzlich an die Ufer des Rheins versetzt."

Auch Handwerkerfest wurde gefeiert. Die Handwerker schmückten Wagen und zogen durch das Dorf. Helene Friedrich: "Mein Vater hatte auch mitgemacht. Da hatten sie Möbel gebaut, einen Schrank und so was und das haben sie raufgestellt und damit sind sie dann durchs Dorf gefahren." 1936, am ersten Pfingstfeiertag, gab es zum ersten Mal Hahnreiten auf dem Mühlenberg. Ernst Friedrich errang den ersten Preis und Otto Striebing war der beste Reiter des Tages. Das Ring- und Hahnreiten war auch 1937 ein Erfolg.

"Gegen 2 Uhr nahmen die Reiter auf dem Dorfplatz Aufstellung, wo der Wachtmeister die angetretenen Reiter meldete. Es waren 19 Reiter (darunter ein Reiter aus Medewitz), der Wachtmeister und der Rittmeister. Nach der Befehlsausgabe durch den Rittmeister erfolgte unter Musik der Ausmarsch nach dem Mühlenberg. Hier hatte sich eine große Zuschauermenge angesammelt, die nun doch ganz bedeutend anwuchs und wie eine Mauer die Reitbahn umsäumte. Aus allen umliegenden Dörfern waren sie herbeigeeilt. Es war auch bestens für Unterhaltung gesorgt. Der Humorist des Tages, Bernhard Siegert, sorgte für frohe Laune. Der berühmte Pack- und Rote-Kreuzwagen war auch zur Stelle, wenn auch der originelle Kutscher das Pech hatte, daß die beide Hinterräder seines Packwagens verlor. Ein Esel nebst ausstaffiertem Reiter fehlte ebenfalls nicht. Für die durstigen Kehlen hatte die Gastwirtschaft Mehlitz Vorsorge getroffen. So entwickelte sich bei schönstem Sonnenschein ein wahres Volksfest.

"Im friedlichen, ritterlichen Kampf bewiesen die Reiter in drei Gruppen ihr Können. Als erste Etappe erfolgte das Ringreiten, dann das Hahnreiten, und den Schluß bildete ein Schulreiten. Die3 Preise beim Ringreiten errangen: 1. Richard Müller, 2. Ernst Friedrich, 3. Walter Schulze. im Hahnreiten siegten: 1. Paul Allrich, 2. Alfred Striebing, 3. Ernst Friedrich. Bei dem Schulreiten erhielt den 1. Preis Otto Striebing, der im vergangenen Jahr ebenfalls bester Reiter war, den 2. Helmut Kläre-Medewitz, den 3. Willi Senst. Nach einem Vorbeiritt vor dem Rittmeister ging es heimwärts zum Dorfplatz. Hier sprach sich der Rittmeister lobend über die Leistungen der Reiter aus, die ritterlich um den Sieg gerungen haben. Der Wachtmeister brachte anschließend seine Freude darüber zum Ausdruck, daß sich die Reiter auch in diesem Jahre wieder zu diesem schönen Volkssport zusammengefunden haben, wird doch, so betonte er, dadurch die Liebe zum Tier erheblich gefördert."


Dorfereignisse

Am 18. Februar 1935 wurde "der Bauer Pg Richard Senst", also "Erdmann" Senst, in das Amt des Amtsvorstehers eingeführt, ein Amt, das er schon bekleidet hatte. In der Zwischenzeit war sein Amtsbezirk, der die beiden Dörfer Reetz und Reppinichen umfaßte, an den Amts- und Gemeindevorsteher Grutzeck in Wiesenburg (er war auch Ortsgruppenleiter der NSDAP) übertragen worden. Stellvertreter von Senst war Gemeindevorsteher Hermann Friedrich.

Am 21. Oktober 1935 wurden die neuen Gemeinderäte eingeführt. Bürgermeister blieb Hermann Friedrich. 1. Beigeordneter war Kurt Grohmann, 2. Beigeordneter war Otto Kühne. Die Gemeinderäte waren Hermann Gottschalk, Richard "Erdmann" Senst, Albert Heinrich, Hermann Lüdecke, Franz Wernicke, und Richard Senst (Ziegeleibesitzer). Der Letzte, zusammen mit Otto Kühne, waren die einzigen, die nicht Mitglieder der NSDAP waren. Dennoch ist zu erkennen, daß die politische Führung des Dorfes weitgehend in den gleichen Händen blieb wie vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Judenpolitik in Reetz

Auch über die Rassenpolitik des "Dritten Reiches" waren die Reetzer informiert. Über die Maßnahmen des Staates gegen Deutsche jüdischer Herkunft und ausländische Juden in Deutschland berichtete die Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung ausführlich und lobend.

Am 17. August 1935 bei einem "Sprechabend" der NSDAP sprach Lehrer Gottschalk über die Juden und andere "Feinde".

"In einem Vortrage erläuterte der Stützpunktleiter Pg. Gottschalk an Hand zahlreicher Beispiele, wie schädlich das Judentum für das Volk ist. Mit Recht, so betonte er, lehnen immer mehr Ortschaften den Besuch oder Aufenthalt von Juden ab 19. Weiter machte der Stützpunktleiter auf die überall angebrachten roten Plakate aufmerksam, die deutlich einen zweiten Unruhestifter, den politischen Katholizismus, kennzeichnen. Wieder gab er eine Reihe von Beispielen, mit welchen Mitteln dieser versucht, das Ansehen der Bewegung in den Schmutz zu ziehen oder die Jugend für sich zu gewinnen. Während die Auslandspresse über Deutschland hetzt, erlebt das Ausland selbst - seitens der in Deutschland längst erkannten Staatsfeinde - täglich neue blutige Unruhen...in Deutschland dagegen herrscht Ruhe und Ordnung! Ein mit dem Gedanken des Friedens beseeltes Volk ringt um seinen wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Dieses gesunde Verhältnis hat uns der Führer geschaffen, und immer wieder muß sich der Führer auch auf unsere Bereitschaft verlassen können, wenn volksfeindliche Elemente es wagen, sein großes Werk anzutasten."

Im November 1935 kam die "Rassenpolitische Wanderausstellung des Gaues Kurmark der NSDAP" nach Reetz. Am Tage besuchten die Schulkinder aus Reetz, Reetzerhütten und Reppinichen die Ausstellung. Am Abend kamen mehrere hundert Reetzer zu der Eröffnung der Ausstellung, die mit dem Lied “O Deutschland hoch in Ehren” begann.

"Der Stützpunkt- und Schulungsleiter Pg. Gottschalk gab anhand des umfangreichen Bildmaterials, das die Ausstellung bietet, Aufklärung über Rassen- und Bevölkerungspolitik. Der Redner machte auf die Gefahren aufmerksam, die ein Volk im Laufe der Zeit zugrunde richten können. Geburtenverringerung, Landflucht in die Großstadt, erbkranker Nachwuchs und Mischung mit fremden Rassen, so sagte der Redner, seien das Grab eines Volkes. Durch entsprechende Maßnahmen werde in Deutschland eine gesunde, durch Spiel und Sport gestählte Jugend heranwachsen, die das Werk des Führers zu übernehmen fähig ist."

Nach dem November-Pogrom 1938 berichtete die Lokalzeitung über alle Maßnahmen und neue anti-jüdische Gesetze. Die Zeitung kommentierte:

"...es kann niemanden im ganzen deutschen Volke, ja nicht einmal einen vernünftig denkenden Menschen in der Welt geben, der nicht die Berechtigung dieser Maßnahmen anerkennen muß...Die ganze Schwere der Vergeltung trifft das Judentum, und es möge ihm als Lehre dienen, daß das deutsche Volk die feste Absicht hat, jeden neuen Übergriff und jede Herausforderung mit ähnlichen Maßnahmen zu sühnen."

Anfang Dezember sprach der Kreisobmann der DAF, Pg. Kalka, bei Gastwirt Mehlitz und rückte "die Judenfrage, mit der sich gegenwärtig die ganze Welt beschäftigt, ins rechte Licht. Der Vortrag des Kreisobmanns wurde mit größter Aufmerksamkeit verfolgt und mit Beifall aufgenommen." Es wurde in den Medien immer häufiger vor der "Gefahr des Judentums" gewarnt. Juden wurden ausnahmslos als Verbrecher bezeichnet und "Moskau und Juda" stets gleichgesetzt (siehe Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung vom November 1938 bis Mai 1939)

In der dritten Januarwoche 1939 fand im Saale bei Mehlitz ein Lichtbildvortrag statt, veranstaltet von der Gaupropagandaleitung Kurmark.

"Wie bei allen Veranstaltungen, so war auch hierbei der Besuch recht zufriedenstellend. Der Redner des Abends, der übrigens in vier Orten unserer näheren Umgegend diesen Lichtbildvortrag durchführte, behandelte in seinem Vortrag das Judenproblem. Unter dem Thema ‘Wie sie logen, wie sie schoben!‘ geißelte der Redner das unheilvolle Schieber- und Betrügerwesen, das der jüdischen Rasse angeboren ist, mit scharfen Worten. Wir stellen erneut fest, daß das ganze Judentum nur auf Lüge und Ausbeutung aufgebaut ist, und auch der Letzte erkannte jetzt, wie dringend notwendig die vor wenigen Monaten erlassenen Judengesetze waren.

"Einen wirkungsvollen Rahmen zu dem Vortrag gaben die vorgeführten Lichtbilder. Sie ließen an Deutlichkeit und Schärfe nichts zu wünschen übrig."

Der Berichterstatter aus Reetz kommentierte den Vortrag wie folgt: "Sie gaben uns manchen interessanten Einblick in den jüdischen Korruptionssumpf und bestärkten uns in der Forderung, daß das Judentum restlos ausgerottet werden muß.”20

Wenige Tage später, am 30. Januar, sprach Adolf Hitler vor dem Reichstag:

"Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.”

 

1 Der "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" wurde von dem ehemaligen Kanzler Franz von Papen und konservativen Bundesgenossen ins Leben gerufen.
2 "Die Mädchen sollten gläubige Anhängerinnen der NS-Bewegung werden und sich inGehorsam, Pflichterfüllung, Disziplin und Opferbereitschaft üben...Ziel der Erziehung war die Heranbildung der kommenden Mutter 'erbegesunder' Kinder, wozu auch hauswirtschaftliche Ausbildung gehörte." (Lexikon III. Reich von Friedemann Bedürftig.Hamburg: Carlson, 1994, S. 59-60.)
3 Pg = Parteigenosse der NSDAP. Die Anredeform sollte den Charakter der NSDAP als "Arbeiterpartei" betonen, aber sich dennoch von den Sozialdemokraten und Kommunisten unterscheiden
4 Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, die als der erste Schritt zur "Überwindung des Klassenkampfes" bezeichnet wurde, wurde am 10. Mai 1933 die Deutsche Arbeitsfront eingesetzt, um die Arbeiterschaft zu vertreten. Praktisch bedeutete die seine Entmündigung der Arbeiter. In Tarifkonflikten hatte die DAF lediglich eine beratende Funktion. Zuständig war sie für den Reichsberufwettkampf, kulturelle Betriebsarbeit, und Aufmärsche zum 1. Mai. Das Amt "Schönheit der Arbeit" der DAF war für die "Ausschmückung" der Arbeitsplätze zuständig. Die DAF betrieb auch die Freizeit- und Reiseorganisation "Kraft durch Freude".
5 *SA = Sturmabteilung der NSDAP, paramilitärische Kampforganisation, die zur Terrorisierung der politischen Gegner eingesetzt wurde. Als am 3. Februar 1934 der Kriegerverein eine neue Fahne einweihte, sprach der Führer des Kreiskriegerverband, der Rittmeister von Schwerin, von der Kriegervereine als "SA-Reserve II". (Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung, 10.2.1934)
6 *In den 20er Jahren war "Pimpf" der Begriff für die Jüngsten der Jugendbewegung. Seit1934 war er die amtliche Bezeichnung für Mitglieder des Jungvolks. Die Pimpfenprobe bestand aus Sportwettkämpfen und eine "Mutprobe", aber auch aus Abfragen der Lebensdaten von Adolf Hitler und dem Hersagen des "Horst-Wessel-Liedes". Hat der Pimpf die Probe bestanden, war er berechtigt ein Fahrtenmesser zu tragen
7 Das "Horst-Wessel-Lied" war ab 1933 die zweite Nationalhymne Deutschlands. Verfaßt wurde es 1927 von dem 1930 an den Folgen eines Überfalls gestorbenen SA-Mann Horst Wessel, der von der nationalsozialistischen Propaganda zum Märtyrer der Bewegung stilisiert wurde. Die erste Strophe lautete: "Die Fahne hoch! die Reihen fest geschlossen!\S.A. marschiert mit ruhig festem Schritt\ Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen,\ marschieren im Geist in unsern Reihen mit."
8 SA-Stabschef Erich Röhm betrieb die Verwandlung der SA in ein Milizheer, in das die Reichswehr aufgehen sollte. Um die Unterstützung der Armeeführung zu sichern, schaltete Hitler die SA politisch aus.
9 Gemeint ist die Republik.
10 Die NSDAP gab ihren Reichsparteitagen Titel. 1933: "Reichspartei des Sieges"; 1934: "Triumph des Willens"; 1935: "Reichsparteitag der Freiheit"; 1936: "Reichsparteitag der Ehre"; 1937: "Reichsparteitag Großdeutschland". Der für September 1939 geplante "Reichsparteitag des Friedens" mußte wegen des deutschen Überfalls auf Polen ausfallen.
11 Betonung im Originalen.
12 Betonung im Originalen.
13 PO. = Parteiorganisation der NSDAP.
14 Entsprechend den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages wurden 1920 Teile der ehemaligen preußischen Rheinprovinz und der ehemaligen bayrischen Rheinpfalz (ca. 2000km² mit etwa 800.000 Einwohnern) vom Deutschen Reich getrennt als Saargebiet und für 15 Jahre der treuhänderischen Verwaltung des Völkerbundes unterstellt. Bei einer Volksabstimmung im Saargebiet am 13.1.1935 sprachen 91% der Einwohner für die Rückführung in das Deutsche Reich aus.
15 Betonung vom Verfasser.
16 "Auf dem Bückeberg, einer Anhöhe bei Hameln, fand seit dem 1.10.33 jeweils am Erntedanktag ein Fest statt, zu dem sich Hunderttausende von Bauern aus dem ganzen Reich einfanden; 1937, bei der letzten derartigen Veranstaltung (1938 wegen Sudetenkrise, danach wegen des Krieges ausgefallen), kamen sogar 1,2 Mio. Höhepunkt war Hitlers 'Weg durch das Volk' auf dem Hang, eine 800m lange Gasse zur Bergkuppe, wo der 'Führer' die Erntekrone entgegennahm zum Zeichen, daß der Bauernstand die diesjährige Ernte der Nation übergebe. Seit 1935 fanden anschließend Schauübungen der Wehrmacht statt als Ausdruck der Einheit von 'Nährstand' und 'Wehrstand'." (Lexikon III. Reich von Friedemann Bedürftig.Hamburg: Carlson, 1994, S. 58.)
17 1921 hatten sich der 1898 gegründete Kyffhäuserbund der deutschen Landeskriegerverbände und der Deutsche Kriegerbund zusammengeschlossen zum Deutschen Reichskriegerverband Kyffhäuser. 1938 wurde die Vereinigung aller Soldatenverbände im Nationalsozialistischen Reichskriegerbund vollzogen.
18 NSKK = Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps. Das NSKK hatte die Aufgabe für die "motorische Ertüchtigung" der Jungen in der Motor-HJ zu sorgen und Kraftfahrer für dieWehrmacht auszubilden. Wer Motorsport betreiben wollte, konnte es nur durch die NSKK. Das NSKK organisierte Pannen- und Unfallhilfe. NSKK-Einheiten wurden während des Krieges bei Heer und Luftwaffe eingesetzt.Leitzer der NSKK in Reetz war Bertold Mehlitz.
19 Betonung vom Verfasser. An vielen Ortsränden standen Schilder, die darauf hinwiesen, daß Juden in der Ortschaften unerwünscht seien. Am Ortsrand von Reetz stand ein solches Schild nicht.
20 Betonung vom Verfasser.

 

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